Klaus Lemke: Filme machen hat mit Geld nichts zu tun

Der unabhängigste Filmemacher Deutschlands?

12.1.2012 | Nana A. T. Rebhan | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Klaus Lemke ist seit 45 Jahren Regisseur – und verfasste ein Manifest gegen die staatliche Filmförderung. Ein kleiner Ausschnitt: "Ich fordere Innovation statt Subvention. Ich fordere das Ende jedweder Filmförderung aus Steuermitteln. (...) 13 Jahre Staatskino unter Adolf und die letzten 40 Jahre staatlicher Filmförderung haben dazu geführt, dass der deutsche Film schon in den 70er Jahren auf Klassenfahrt in der Toskana hängen blieb; dass aus Regisseuren Soft Skills-Kastraten und aus Produzenten Veredelungsjunkies wurden. (...) Unsere Filme sind wie Grabsteine." Dem setzt Lemke Jahr für Jahr einen eigenen, unabhängig produzierten Film entgegen. Er hofft, dass sein erster Hauptstadtfilm, "Berlin für Helden", auf der Berlinale 2012 zu sehen sein wird.

Nana A.T. Rebhan: Wie finanzieren Sie Ihre Filme – ohne Förderung?

Klaus Lemke: Wenn ein Film fertig ist, dann gehe ich zum ZDF: "Das Ding hat 90.000 Euro gekostet, Jungs, kauft mir bitte meine Lizenz ab."

So bekommen Sie Ihr Geld wieder rein?

Ja, genau. Aber die meisten meiner Filme breche ich während des Drehens ab. Das kann man sich natürlich nicht erlauben, wenn man vorher Geld genommen hat. Es ist mein eigenes Geld und wenn ich abbreche, dann trage ich die Konsequenzen ganz alleine.

Wie oft brechen Sie ab?

In den letzten Jahren habe ich elf Filme gedreht und fünf abgebrochen.

Warum brechen Sie ab?

Ich arbeite ja völlig nach dem Zufall. Ich versuche, mit den Leuten, die ich an dem Tag zufällig treffe, eine Geschichte zu machen. Das klappt manchmal und manchmal klappt es eben nicht. In "Berlin für Helden" hat es wunderbar geklappt, in "Rocker" auch und in vielen anderen meiner Filme. Wenn es nicht klappt, werfe ich die Filme eben weg. Deshalb habe ich einen so guten Ruf. Alle anderen müssen ja auch ihre schlechten Filme vorzeigen, weil sie darin Millionen verballert haben. Dann muss der Film auch raus. Niemand in Deutschland, außer mir, kann einen Film abbrechen, denn danach wird er nie wieder einen machen. Aber es ist ja mein eigenes Geld und deshalb kann ich machen, was ich will. Die Leute sehen von mir nur das, was ich auch wirklich zeigen will.

Warum drehen Sie immer mit so jungen Darstellern?

Das liegt einfach daran, dass nur die unter 27 Jahren Zeit haben, überhaupt mit mir Filme zu machen. Das bedeutet ja, sechs Wochen mit mir zusammen zu leben und verfügbar zu sein, jeden Tag. Das können nur Menschen machen, die noch jung sind. Die anderen, über 27, haben einen Job und können nicht mehr so einen Unsinn mit mir machen. Was ich auch liebe: Bei jungen Leuten prallen die Gegensätze, die sie im Kopf haben und leben, noch total aufeinander. Das ist dieses Abenteuer.

Wie arbeiten Sie mit Ihren Darstellern, die ja alle Laien sind?

Ich habe strenge Regeln. Wer eine Minute zu spät kommt, wird gefeuert. Wer mit einer Mc-Donald's-Tüte kommt, wird gefeuert. Wenn die Leute den Dreh nicht als wesentlichen Teil ihres Lebens und ihres Tages begreifen und vorher Kaffee getrunken haben, werden sie gefeuert. Essen ist auch verboten. Bei Sex während des Drehs feuere ich auch sofort. Das ruiniert alles. Bei mir bekommt jeder 50 Euro am Tag. Um wirklich so freie Filme drehen zu können, bedarf es einer sehr strengen Disziplin.

Mussten Sie oft Darsteller auswechseln?

Nur einmal. Alle wissen, dass ich es ernst meine, alle müssen 100 Prozent auf die Sache konzentriert sein. Schauspieler warten sechs, sieben Stunden in ihrem Trailer, dann werden sie rausgeholt und müssen funktionieren. Keiner redet mit ihnen. Bei mir ist es anders. Die Leute kommen, es wird sofort gedreht und sie sind zwei Stunden später fertig. Wenn sie aber in diesen zwei Stunden nicht top konzentriert sind, werden sie gefeuert. Wenn die Leute mitkriegen, wie ernst ich es meine, dann ist das ein toller Motor, ein Traummotor.

Wie wichtig ist es, dass jeder die gleiche Gage bekommt?

Das ist irre wichtig. Die Leute kriegen, wenn ich den Film verkaufe – und ich verkaufe jeden Film, den ich fertig mache – noch mal 100 Euro pro Drehtag nachträglich. Also im Prinzip bekommen sie 150 Euro. Das alles macht ungefähr 30.000 Euro aus. Auch der Kameramann und auch Hauptdarsteller wie Saralisa kriegen alle dasselbe. Das Drehen selbst kostet auch noch mal 30.000, und dann brauche ich noch mal 30.000 für den Schnitt und die Postproduktion. Dann kommt der Film so auf 110.000 Euro. Ich muss ihn ja auch versichern und einen Steuerberater zahlen und all das. An den Fernsehsender verkaufe ich ihn so für 120.000 bis 130.000 Euro, aber ich will auch gar nicht mehr.

Und vom Rest leben Sie?

Ja, aber ich bin auch ein Spezialist für Surfwerbung. Wenn ich kein Geld mehr habe, dann mache ich Werbefilme auf Fuerteventura und überall, wo gesurft wird. Das mache ich sehr gerne, weil ich da unter Abenteurern bin. Da verdiene ich so ein bisschen was. Aber ich habe genug Geld.

Wie wichtig ist Geld fürs Filmemachen?

Filme haben mit Geld gar nichts zu tun, auch wenn das alle denken. Wenn Sie eine wirklich gute Geschichte haben mit einer guten Dramaturgie, dann können Sie die auch auf dem Handy drehen und Sie werden einen Welterfolg landen. Technik und Geld haben damit nichts zu tun. Aber die Filme werden immer teurer, denn je höher die Kosten sind, umso höher sind die Handlungsunkosten für den Produzenten.

Empfinden Sie die Situation als so dramatisch?

Wir haben die schönsten Frauen, wir haben die schnellsten Autos. Wir kommen auch durch diese Wirtschaftskrise, die gar nicht so groß ist, wie die Leute tun. Was Kunst angeht, sind wir leider die größten Wichser auf der Welt. Wir werden ausgelacht, wo es nur geht. Bis auf die Malerei und Musik. Aber Malerei kann man nicht staatlich ruinieren, Musik letztlich auch nicht. Alles andere, Film und Theater, wird seit Adolfzeiten subventioniert. Das Kino wird zu Tode subventioniert in Deutschland und das ist das Schlimmste, was passieren kann.

Es gibt also keine Rettung für den deutschen Film?

Wenn man merkt, dass das Pferd, auf dem man sitzt, tot ist, sollte man absteigen. Aber es steigt niemand ab, weil alle Leute davon profitieren, dass wir die größten Langweiler auf der Welt sind. Das weiß jeder. Man kann auch nicht sagen, "der deutsche Film ist weg vom Fenster". Der deutsche Film ist gar nicht so weit gekommen. Niemand interessiert sich für deutsche Filme. Es gibt niemanden zwischen 20 und 30, der in deutsche Filme ins Kino geht, weil deutscher Film nur für Gremien gemacht wird. Film hat nichts damit zu tun, dass irgendwelche Frauenverbände mitreden, was für Filme gemacht werden sollen. Film hat nichts mit Demokratie zu tun.

Wie, meinen Sie, nehmen andere Länder, etwa die USA, den deutschen Film wahr?

Wenn man in Amerika sagt, dass der deutsche Staat die Filme bezahlt, dann lachen die sich krank und sagen, "so sehen die auch aus". Wir haben komplett den Anschluss an das moderne Kino verloren. Wenn nicht Bully Herbig oder Til Schweiger mit ihren Filmen sechs Millionen Zuschauer machen würden, dann gäbe es den deutschen Film gar nicht mehr. Es ist alles ein großer Pfusch, was da läuft, Potemkinsche Dörfer. Der deutsche Film existiert nicht.

Was würden Sie tun, wenn es das Filmemachen für Sie nicht mehr gäbe?

Schwer zu sagen, ich bin jetzt schon so 110 Jahre alt und mache das, seit ich 24 bin. Aber ich könnte auch was anderes machen, kein Problem. Filme machen ist das letzte große Jungs-Abenteuer. Es sind wenige Mädchen in dem Business, weil es wie ein richtiger Sport ist: Man kriegt mehr auf die Fresse als Küsse im Dunklen. Das ist nicht Kindergarten. Film ist etwas gänzlich Unbarmherziges, es ist ein böses Tier. Man muss aufpassen, dass man nicht zu viel darüber redet, denn Film ist völlig unberechenbar.

Haben Sie das wilde Tier nach 45 Jahren nicht zähmen können?

Es nützt nichts, dass man aus Erfahrungen was lernt. Wenn man die eine Katastrophe bestanden hat, kommt die nächste, auf die man nicht vorbereitet ist. Das macht Berlin auf so wunderbare Weise vor. Berlin ist wie Barcelona vor 20 Jahren. Es gibt noch nicht mal Polizisten, die einen aufschreiben, wenn man falsch parkt, denn die Polizisten haben schon so viele Überstunden gemacht, dass gar nicht mehr patrouilliert wird. Barcelona ist tot, da schreiben seit Jahren Brigitte und Freundin drüber. Das wird Berlin auch passieren, aber jetzt ist Berlin noch ganz anders. Berlin ist wirklich das Zentrum der westlichen Welt, das ist unglaublich. Dieses neue Berlin ist berauschend und erschreckend zugleich.

Deshalb haben Sie zum ersten Mal in Berlin gedreht. Wie lief das so?

Ich bin einfach hingefahren und habe angefangen, ohne Geld und ohne Drehbuch nach Harakiri-Mood einen Film zu drehen. Geld macht alles kaputt. Ich hatte 30.000 Euro. Das ist nicht so ein verwichster Veredelungskram wie "Drei" von Tom Tykwer. Da entsteht dann garantiert ein Film, der für die nächsten zehn Jahre das Berlinbild prägt.

Nana A. T. Rebhan dreht gerade mit ihrer Digitalkamera einen nicht geförderten Dokumentarfilm in Kambodscha.

Foto: Klaus Lemke bei den Dreharbeiten zu "Schmutziger Süden" (©Lemke)



Links

Mehr über den Filmemacher Klaus Lemke auf den Seiten der Internet Movie Database





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