Sonja Eismann, Chris Köver: Mach's selbst

Chris Köver im Interview

7.11.2012 | Sarah Curth | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Tomaten züchten, Marmelade einkochen oder sich einen Winterschal stricken: Das machen inzwischen viele. Do it Yourself (DIY) ist in. Seit einigen Jahren schießen Blogs, die sich mit DIY-Themen beschäftigen, wie Pilze aus dem Boden. Pinterest wird als Tauschbörse für kostenlose Tutorials genutzt. Mit der richtigen Anleitung kann man fast alles selber machen. Das Verkaufen auf Plattformen wie DaWanda, wo Selbsthergestelltes zu günstigen Preisen angeboten wird, boomt.

Doch DIY beschränkt sich größtenteils auf Mode, Einrichtung und Kochen. Drei Frauen war das zu einseitig. Mit "Mach's selbst - Do it Yourself für Mädchen" veröffentlichten Chris Köver, Sonja Eismann und die Grafikerin Daniela Burger deshalb gerade ein Sachbuch, das sich direkt an Mädchen wendet. Eine Ausrichtung, die ihnen liegt: Sie geben das vierteljährlich erscheinende Missy Magazine heraus, eine feministische Zeitschrift für junge Frauen.

Tu was!

Wie schreibe ich eine Rezension? Wie bastel ich eine Grusel-Barbie? Wie kann ich Rassismus bekämpfen? Selbermachen bedeutet hier: Sei engagiert. Tu was. Verlass dich nicht so oft auf andere! Mitherausgeberin Chris Köver erklärte fluter.de-Autorin Sarah Curth im Interview, woher der Hype um DIY eigentlich kommt und warum der neue Traumberuf "Nerdine" heißt.

Sarah Curth: Hallo Chris, warum habt ihr ein DIY-Buch speziell für Mädchen geschrieben?

Chris Köver: Im Moment haben wir noch eine Situation, in der Jungen und Mädchen sehr unterschiedlich sozialisiert werden und in der für Mädchen eine engere Palette an Optionen vorhanden ist – was Hobbys und Aktivitäten betrifft. Ein gutes Beispiel ist die Musikszene. Es gibt nicht so viele Mädchen, die in Bands spielen. Da wollten wir gezielt entgegenwirken und in dieses Buch Anleitungen reinpacken, in denen wir erklären, wie man eine Band gründet, eine Petition startet oder einen Schlagbohrer hält. Daneben gibt es aber auch Kapitel zu Handarbeit und Kochen. Es ist eine Mischung aus "mädchentypischen" Aktivitäten – die wir mit dem Buch auch aufwerten wollten – und weniger üblichen Aktivitäten für Mädchen.

Weil ich 'n Mädchen bin?

Ist das Buch trotzdem auch etwas für Jungs und Männer?

Natürlich können oder sollen Jungs das Buch auch lesen. Es ist wahrscheinlich für viele Jungen genauso interessant, wie man eine Petition startet oder Beatboxing macht. Trotzdem finde ich die direkte Adressierung an Mädchen wichtig, um dem Ungleichgewicht entgegenzuwirken.

Was versteht ihr denn genau unter "Mädchen"?

Wer und was ein Mädchen ist, wird ständig neu ausgehandelt. Wir haben das Buch für alle Menschen gemacht, die sich selbst als Mädchen identifizieren – egal mit welchem Geschlecht geboren. Wir gehen nicht davon aus, dass Geschlecht naturgegeben ist, Genderrollen sind kulturell und sprachlich konstruiert.

Und wie erklärst du dir den aktuellen DIY-Trend?

Den Trend gibt es in den USA schon seit den 1990ern. Dort ist er ursprünglich aus einer politischen Bewegung hervorgegangen. Einerseits aus der jüngeren feministischen Bewegung der "Riot Grrrls", die fragte: Wer sagt eigentlich, dass Nähen, Stricken und Häkeln uncool sein müssen? Das sind weibliche Kulturtechniken, die in der Familie weitervermittelt werden und die wir uns nicht nehmen lassen wollen. Auf der anderen Seite ging es um Konsumkritik und Selbstbestimmung. Das, was eher aus dem Punk der 70er kam. Zum Beispiel selbst Medien zu produzieren und dafür eine Infrastruktur herzustellen.

Wie war das denn in Deutschland?

Der Trend aus den USA ist, wie so oft, mit etwas Verspätung zu uns gekommen. Und wie so oft auch befreit von jeglichem politischen Inhalt oder politischer Forderung. Ähnlich wie der "Girl Power"-Gedanke, der aus der "Riot Grrrl"-Bewegung entstanden ist und bei uns nur noch in Form von Lucilectric oder Tic Tac Toe ankam. So ist DIY bei uns nur noch ein netter Selbermach-Trend, ein smoothes Update von dem, was Frauenzeitschriften schon länger betreiben.

Genau wissen, was drin ist

Warum sollte ich mir ein Kleid selber nähen – was bringt mir das, außer viel Arbeit?

Selbermachen ist nicht immer günstiger. Aber wenn ich mir Dinge selber angeeignet habe, dann weiß ich, dass ich es kann, und das gibt mir ein Gefühl von Ermächtigung. Du bist unabhängiger. Wenn man Medien selber produziert, muss man nicht erst jemandem seine Idee vorstellen oder ein ellenlanges Praktikum absolvieren. Bei Lebensmitteln, die du selber herstellst, weißt du genau, was drin ist. Du hast mehr Kontrolle darüber. Manchmal kannst du aber wirklich auch Geld sparen: Wenn du zum Beispiel Limonade selber machst, kaufst du dir Zucker und ein Kilo Zitronen. Das ist total billig – drei Liter Fanta sind dagegen teuer.

Frauen beschäftigen sich ungern mit Technik, so das Klischee. Wie seht ihr das?

Programmieren oder am eigenen Rechner rumschrauben – zum Beispiel das eigene WLAN einrichten –, das ist bisher keine typische Mädchenaktivität. Aber zum Glück ändert sich das gerade. Es gibt mittlerweile sowohl in der Popkultur als auch im Real Life immer mehr coole Nerdinen, die sehr technikaffin sind. Das setzt sich zunehmend als Identität für Mädchen durch. Es gibt zum Beispiel zwei neue Blogs zu dem Thema aus Deutschland: femgeeks.de und geeksisters.de. Mädchen sind aber in allen Bereichen, die mit Technik zu tun haben, nach wie vor krass unterrepräsentiert. In Deutschland noch mehr als in anderen Ländern.

Es gibt heutzutage nichts, was man nicht autodidaktisch erlernen kann, dank Online-Tutorials auf YouTube, Blogs oder Büchern wie eurem. Wo fange ich da an?

Zunächst würde ich mich fragen: Was will ich können? Vielleicht wollte ich schon immer mal ein Instrument lernen oder mit einer Band zusammen auf der Bühne spielen. Ich selber bin immer besonders motiviert, wenn ich ein Problem habe, das ich direkt lösen will. Zum Beispiel geht mein Drucker nicht – dann kann ich mir Anleitungen im Netz selbst heraussuchen. Selbermachen ist kein totaler Selbstzweck. Es entsteht eher durch konkrete Probleme. Und wenn mal etwas nicht sofort klappt: Nicht entmutigen lassen! Etwas Auszuprobieren bedeutet nicht unbedingt, dass es sofort funktioniert.

Sonja Eismann, Chris Köver: Mach's selbst: Do it Yourself für Mädchen (Beltz & Gelberg 2012, 160 S., 16.95 €)

 

Sarah Curth, 23, ist freie Texterin und Redakteurin bei der Berliner Gazette.

Foto: "Daniela Burger, Christina Köver und Sonja Eismann" | © Stefanie Rau

Buch-Illustrationen / Fotos: © Daniela Burger; Fotos: © Melissa Hostetler



Links

Missy Magazine
Mehr zu den Riot Grrrls
Femgeeks, ein Blog über und für "Nerdinen"
Geeksisters: "[…] eine wilde Mischung, die euch hoffentlich Spaß macht!"





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